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#Spinning

„Wir werden ein Recycling-Powerhouse“

Rieter-Konzern CEO Thomas Oetterli auf der ITM 2026 © 2026 TexData International
Die Textilindustrie erlebt das vierte Krisenjahr in Folge, gleichzeitig verändern Automatisierung, künstliche Intelligenz und Recycling die Spielregeln der Branche. Im Interview spricht Rieter-CEO Thomas Oetterli über erste Anzeichen einer Markterholung, seine persönliche Bilanz nach drei Jahren an der Unternehmensspitze, die Integration der Barmag, die Vision der weitgehend vollautomatische Spinnerei und die strategische Bedeutung des Recyclings. Dabei macht er deutlich, warum die neue Rieter-Gruppe künftig eine führende Rolle bei der Transformation der textilen Wertschöpfungskette hin zu einer Kreislaufwirtschaft spielen will.

Interview

Thomas Oetterli, CEO Rieter-Konzern


von Oliver Schmidt – Chefredakteur TexData International


1. Marktumfeld und Investitionsklima

Herr Oetterli, die Textilindustrie steht derzeit von vielen Seiten unter Druck. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation des Textilmaschinenmarktes – und wo sehen Sie Chancen für eine neue Dynamik?

Die Textilindustrie ist traditionell ein sehr zyklischer Markt. Der Unterschied zur aktuellen Situation besteht jedoch darin, dass diese Krise deutlich länger anhält als frühere Abschwungphasen.

Trotzdem sehe ich Licht am Ende des Tunnels. Erst vor kurzem war ich in Indien, unserem zweitgrößten Markt. Dort spürt man eine klare Aufbruchsstimmung. Praktisch jeder Kunde, den ich getroffen habe, spricht wieder über Investitionen.

Auch in anderen Regionen beobachten wir erste positive Signale. Südamerika entwickelt sich vielversprechend, und selbst Märkte, die in den vergangenen Jahren unter erheblichen Herausforderungen gelitten haben – etwa Bangladesch, Pakistan, Vietnam oder auch die Türkei – zeigen erste Anzeichen einer Erholung.

Natürlich wurden die vergangenen Jahre von zahlreichen Belastungen geprägt. Geopolitische Spannungen, Handelskonflikte, Unsicherheiten in den Lieferketten und wirtschaftliche Verwerfungen haben die Branche stark gefordert. Immer wieder schien eine Erholung greifbar, bevor neue Herausforderungen auftraten.

Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch. Dieser Optimismus wird jedoch durch die Zahlen, Daten und Signale gestützt, die wir heute in vielen Märkten sehen. Die Nachfrage nach Textilien wird langfristig weiter wachsen. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Branche wieder in eine Phase der Investitionen und des Wachstums eintreten wird.


2. Persönliche Bilanz als CEO

Sie führen Rieter seit rund drei Jahren. Wenn Sie heute Bilanz ziehen: Was konnten Sie bereits erreichen, und welche Themen stehen für Sie als Nächstes im Fokus?

Als ich Anfang 2023 die Rolle als CEO übernommen habe, befand sich die Branche bereits in einer schwierigen Marktphase, allerdings waren die Auftragsbücher noch voll. Damals gingen viele davon aus, dass die Krise etwa ein Jahr dauern würde. Heute befinden wir uns im vierten Jahr. In gewisser Weise habe ich mich deshalb zeitweise eher als Krisenmanager, denn als CEO gefühlt.

Das bringt Herausforderungen mit sich. Anhaltende Unsicherheit belastet nicht nur Unternehmen und Mitarbeiter, sondern auch das Management. Jeder hat lieber ein gutes Marktumfeld. Andererseits haben Krisen auch eine positive Seite: Sie erhöhen die Bereitschaft, Veränderungen anzugehen und neue Wege zu beschreiten. Das war für Rieter in verschiedenen Bereichen wichtig und hilfreich.

Persönlich habe ich in diesen drei Jahren unglaublich viel gelernt. Die Textilindustrie hat ein außergewöhnlich hohes technologisches Niveau. Spinnereimaschinen müssen unter anspruchsvollsten Bedingungen arbeiten – bei Hitze, Staub, Feuchtigkeit und im 24-Stunden-Betrieb über viele Jahre hinweg. Die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit dieser Technologien beeindrucken mich immer wieder.

Gleichzeitig habe ich erkannt, dass unsere traditionelle Branche in einigen Bereichen noch erhebliches Potenzial besitzt und in einigen Bereichen einen Zwischenspurt hinlegen muss. Themen wie Digitalisierung, Automatisierung, künstliche Intelligenz und moderne Unternehmensprozesse werden die Zukunft entscheidend prägen. Hier sehe ich große Chancen – sowohl für Rieter als auch für die gesamte Industrie.

Ehrlich gesagt habe ich mich am Anfang gefragt, warum Menschen über Jahrzehnte in einer Branche bleiben, die so zyklisch ist und regelmäßig solche Krisen erlebt. Jetzt, nach drei Jahren, verstehe ich sehr gut, warum so viele Menschen ihr gesamtes Berufsleben in dieser Branche verbringen, weil sie einfach faszinierend ist. Ich habe inzwischen diese „Textil-Euphorie“ bekommen, von der viele Kollegen immer gesprochen haben. Die Textilindustrie ist anspruchsvoll, zyklisch und manchmal herausfordernd, aber sie ist auch unglaublich spannend. Genau deshalb macht mir diese Aufgabe heute mehr Freude denn je.


3. Barmag, Integration und die neue Rieter-Gruppe

Viele Beobachter sehen in der Übernahme der Barmag vor allem einen strategischen Ausbau des Geschäfts. Wenn Sie darüber hinausblicken: Was hat Sie an der Barmag besonders überzeugt, warum passen beide Unternehmen so gut zusammen – und wie stellen Sie sicher, dass die Integration erfolgreich gelingt?

Man muss wissen, dass Rieter bereits seit 30 Jahren versucht hat, die Barmag zu kaufen. Das ist eine sehr alte Liebe. Wir wurden immer wieder abgewiesen, haben aber nie aufgegeben und sind immer wieder zurückgekommen.

Warum wollten wir die Barmag unbedingt? Erstens ist die Barmag ein absolutes Top-Unternehmen in unserer Branche – Technologieführer, hohe Qualität, ein hervorragendes Team und unglaublich viel Know-how. Gemeinsam mit der Neumag ist das Unternehmen eine echte Perle. Zweitens sehen wir im Bereich der Chemiefasern ein wichtiges zukünftiges Wachstumsfeld. Der weltweite Bedarf an Fasern und Bekleidung wird weiter steigen. Dieser zusätzliche Bedarf lässt sich langfristig nicht allein über natürliche Rohstoffe decken. Deshalb werden Man-Made Fibers eine immer wichtigere Rolle spielen.

Ebenfalls wichtig war für uns die kulturelle Seite. Bereits in den ersten Gesprächen haben wir festgestellt, dass beide Unternehmen sehr gut zusammenpassen. Heute, einige Monate nach dem Zusammenschluss, kann ich sagen: Die Liebe ist nicht abgekühlt – im Gegenteil. Sie hat sich sogar intensiviert. Wir erleben auf beiden Seiten eine hohe Wertschätzung füreinander sowie eine gemeinsame Leistungs- und Technologiekultur. Das spürt man auch hier auf der Messe, wo Rieter und Barmag erstmals gemeinsam auftreten. Für uns war von Anfang an klar, dass wir die Stärken beider Unternehmen bewahren und gleichzeitig die Chancen der gemeinsamen Gruppe nutzen wollen.

Deshalb verfolgen wir bewusst einen behutsamen Ansatz. Wir sprechen von einer Soft Integration. Dabei schauen wir uns an, wie wir uns gegenseitig helfen können. Beispielsweise indem wir unsere Einkaufsvolumina bündeln. Oder es geht um Bereiche wie Service-Netzwerke oder die Ersatzteilversorgung. Dort können wir Synergien nutzen und voneinander profitieren.

Im eigentlichen Kerngeschäft wollen wir dagegen möglichst wenig verändern. Das ist für unsere Kunden von großer Bedeutung. Viele von ihnen arbeiten seit Jahren oder sogar Jahrzehnten mit denselben Ansprechpartnern und Teams zusammen. Dieses Vertrauen wollen wir erhalten und weiter stärken. Unser Ziel ist es, dass unsere Kunden die Vorteile der gemeinsamen Gruppe spüren, ohne dabei auf die gewohnte Nähe und Kontinuität verzichten zu müssen.

Auch auf Führungsebene wollen wir deutlich machen, dass es sich um eine Partnerschaft auf Augenhöhe handelt. Georg Stausberg, der Leiter der Barmag, ist Mitglied der Rieter Konzernleitung und mein Stellvertreter geworden. Darüber hinaus haben wir Führungskräfte der Barmag in verschiedene Funktionen innerhalb der Rieter-Gruppe integriert. Unser Ziel ist nicht, erfolgreiche Unternehmen grundlegend zu verändern. Unser Ziel ist es, ihre Stärken zusammenzuführen und daraus für unsere Kunden einen zusätzlichen Mehrwert zu schaffen.

Thomas Oetterli (rechts) und TexData Chefredakteur Oliver Schmidt vor dem Rieter Stand auf der ITM 2026 © 2026 TexData International
Thomas Oetterli (rechts) und TexData Chefredakteur Oliver Schmidt vor dem Rieter Stand auf der ITM 2026 © 2026 TexData International


4. Vision 2027: Die weitgehend vollautomatische Spinnerei

Rieter verfolgt mit Vision 2027 das Ziel der weitgehend vollautomatischen Spinnerei. Warum ist diese Vision so wichtig für die Branche und welche Potenziale eröffnet sie hinsichtlich Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit?

Die wichtigste Frage ist zunächst, warum die Branche eine solche Lösung überhaupt braucht. Jeder, der einmal eine Spinnerei besucht hat, weiß, dass viele Tätigkeiten dort anspruchsvoll sind. Die Arbeit erfolgt im Schichtbetrieb, oft sieben Tage pro Woche, in einer Umgebung mit Lärm, Staub und hohen Temperaturen. Für viele Unternehmen wird es deshalb zunehmend schwieriger, ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu finden.

In einigen Regionen können Spinnereien ihre Kapazitäten heute bereits nicht mehr vollständig auslasten, weil das Personal fehlt. Gleichzeitig steigen die Lohnkosten weltweit deutlich an. Für die Betreiber wird Arbeit damit sowohl knapper als auch teurer. Automatisierung ist deshalb nicht nur eine technologische Entwicklung, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Hier kommt die besondere Position von Rieter ins Spiel. Als Systemanbieter können wir Automatisierung über den gesamten Spinnprozess hinweg denken und umsetzen. Das ist deutlich einfacher, wenn die verschiedenen Maschinen und Systeme aufeinander abgestimmt sind. Genau darin sehen wir einen wichtigen Vorteil unseres Ansatzes.

Auf der ITMA 2027 in Hannover werden wir diese vollautomatische Spinnerei präsentieren. Das ist das Ziel, auf das wir hinarbeiten. In einer solchen Spinnerei werden nahezu alle heute noch manuellen Tätigkeiten automatisiert sein. Das verbessert nicht nur die Produktivität, sondern auch die Prozessstabilität und die Wirtschaftlichkeit.

Interessant ist dabei, wie diese Vision entstanden ist. Wir haben uns zunächst die Frage gestellt, wie eine Spinnerei aussehen würde, wenn nahezu keine manuellen Tätigkeiten mehr erforderlich wären. Anschließend haben wir analysiert, welche der heute vorhandenen Aufgaben bereits automatisiert sind oder werden können, wo bestehende Technologien eingesetzt werden können und wo noch neue Lösungen entwickelt werden müssen. Dieser Ansatz hilft uns dabei, die Vision Schritt für Schritt in die Realität umzusetzen.


5. Recycling und die neue textile Wertschöpfungskette

Rieter hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei der Verarbeitung recycelter Fasern erzielt. Gleichzeitig entsteht rund um das textile Recycling eine völlig neue Wertschöpfungskette. Hinzu kommen regulatorische Vorgaben, die Erwartungen von Marken und Verbrauchern sowie die Herausforderungen bei Qualität und Kosten. Wo steht Rieter heute bei diesem Thema, und warum könnte dieser Markt für die neue Rieter in den kommenden Jahren strategisch so wichtig werden?

Es führt kein Weg am Recycling vorbei. Ob man das will oder nicht, wir brauchen eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. Und zwar nicht nur in der Textilindustrie, sondern grundsätzlich im Umgang mit den Ressourcen unseres Planeten. Unternehmen tragen nicht nur eine wirtschaftliche Verantwortung, sondern auch eine Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft.

Gleichzeitig muss man feststellen, dass die textile Kreislaufwirtschaft heute noch ganz am Anfang steht. Obwohl das Thema seit Jahren intensiv diskutiert wird, wird derzeit weniger als ein Prozent der Bekleidung tatsächlich wieder zu neuer Bekleidung recycelt. Zwischen Anspruch und Realität besteht also noch eine erhebliche Lücke.

Wenn man Recycling genauer betrachtet, besteht die Herausforderung nicht nur aus einer einzelnen Technologie. Es entsteht vielmehr eine völlig neue Wertschöpfungskette. Aus meiner Sicht umfasst sie fünf zentrale Schritte: Sourcing, Sorting, Tearing, Spinning und Marketing. Zunächst muss ausreichend Material beschafft werden. Anschließend muss dieses Material sortiert werden – nach Farben, Fasertypen und Materialzusammensetzungen. Danach folgt das Öffnen beziehungsweise Zerfasern der Textilien. Dabei dürfen die Fasern nicht unnötig beschädigt werden, denn zu kurze Fasern lassen sich später nicht mehr sinnvoll weiterverarbeiten. Erst danach folgt das eigentliche Spinnen neuer Garne. Und schließlich muss das Endprodukt erfolgreich im Markt positioniert werden.

Wir arbeiten heute in allen fünf Bereichen und wollen unseren Kunden auch in Zukunft eine Gesamtlösung anbieten. Technologisch sind wir bereits sehr weit. Mit der Integration der Barmag haben wir die Möglichkeit, als einziger Anbieter sowohl mechanisches als auch chemisches Recycling abzudecken – für Baumwolle, Viskose und Polyester. Wir werden eigentlich ein Recycling-Powerhouse.

Die großen Brands haben sich alle verpflichtet, künftig deutlich mehr Recyclingmaterial einzusetzen und textile Abfälle nicht mehr einfach zu entsorgen. Gleichzeitig haben viele von ihnen noch keine Lösung dafür, wie sie die großen Mengen an Alttextilien tatsächlich wieder in den Kreislauf zurückführen können. Heute lagern bei vielen Unternehmen Tausende von Tonnen Alttextilien in Warenhäusern und Lagern. Diese Unternehmen sind froh, wenn wir sie mit den richtigen Recyclingpartnern zusammenbringen können.

Entscheidend wird am Ende jedoch die Wirtschaftlichkeit sein. Recycling funktioniert nur im industriellen Maßstab. ‚Economies of Scale‘ (Skaleneffekte) sind der Schlüssel. Kleine Anlagen und Pilotprojekte allein werden nicht ausreichen. Die gesamte Kette muss so effizient werden, dass hochwertige Recyclingmaterialien zu wettbewerbsfähigen Kosten produziert werden können.

Denn eines ist klar: Eine Verbraucherin zahlt nicht mehr, nur weil ein Produkt recycelt wurde. Deshalb müssen Qualität, Verfügbarkeit und Kosten am Ende überzeugen. Genau daran arbeitet die Branche derzeit – und wir wollen bei dieser Entwicklung eine führende Rolle spielen.


6. Künstliche Intelligenz als nächster Produktivitätsschub

Künstliche Intelligenz verändert derzeit nahezu alle Branchen. Welche Rolle spielt KI bereits heute bei Rieter, und wo sehen Sie die größten Potenziale für die kommenden Jahre?

Heute beschäftigt sich praktisch jedes größere Unternehmen mit künstlicher Intelligenz. Jeder spricht über ChatGPT, Copilot, Claude oder andere KI-Anwendungen. Entscheidend ist aus meiner Sicht jedoch nicht, KI einfach einzusetzen, sondern die richtigen Anwendungsfälle zu finden.

Besonders großes Potenzial sehe ich überall dort, wo repetitive und transaktionale Prozesse stattfinden. In solchen Bereichen kann KI bereits heute viele Aufgaben übernehmen oder deutlich beschleunigen. Das betrifft nicht nur die Produktion, sondern das gesamte Unternehmen. Ob im Backoffice, im Personalwesen, im Finanzbereich oder bei administrativen Prozessen – überall stellt sich die Frage, wie künstliche Intelligenz Mitarbeiter unterstützen und Abläufe effizienter machen kann.

Andererseits darf man nicht erwarten, dass KI automatisch jedes Problem löst. Man muss sehr genau verstehen, wo die Technologie einen echten Mehrwert schafft und wo nicht. Deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit konkreten Anwendungsfällen und prüfen systematisch, wie wir diese Technologien sinnvoll einsetzen können.

Auch in unseren Maschinen und Anlagen wird künstliche Intelligenz künftig eine immer größere Rolle spielen. Maschinen werden zunehmend in der Lage sein, Daten auszuwerten, Prozesse zu überwachen und sich selbst auf veränderte Bedingungen einzustellen. Viele Aufgaben, die heute noch Erfahrung und manuelle Eingriffe erfordern, werden künftig automatisiert ablaufen.

Für Rieter ist künstliche Intelligenz deshalb kein isoliertes Technologiethema, sondern ein wichtiger Baustein unserer langfristigen Strategie. Unser Ziel ist es, die Möglichkeiten von KI, Digitalisierung und Automatisierung konsequent zu nutzen – sowohl in unseren eigenen Prozessen als auch in den Lösungen, die wir unseren Kunden anbieten.

KI kann helfen. Aber es ist nicht so, dass KI einfach da ist und plötzlich alles gut wird. Man muss schon wissen, wo man sie einsetzen kann und wo nicht.



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